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Amaru Markawasi - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Amaru Markawasi

Reisen > Peru
Amaru Markawasi liegt in den Höhen über Cusco, dort, wo die Luft schon spürbar dünner wird und jeder Atemzug bewusster geschieht. Zwischen weiten Grasflächen, zerklüfteten Felsen und den Resten alter Mauern zieht sich das Gestein in Treppen und sorgfältig gehauenen Flächen dahin, die die raue Oberfläche des Felsens immer wieder unterbrechen. Ich ging zwischen diesen Formen und spürte, wie sich mir dieselben Fragen aufdrängten, die mich seit Beginn dieser Reise begleiten: Wohin führten diese Wege? Wer durfte die verborgenen Räume betreten? Und welche Bedeutung hatte ein bloßer Felsen für Menschen, die in ihm etwas Heiliges erkannten, lange bevor irgendeine Karte diesen Ort verzeichnete?

Die inkazeitliche Anlage gehört zum archäologischen Park von Saqsaywaman und trägt auch den Namen Templo de la Luna, Mondtempel – ein Name, der sich mir sofort einprägte, den ich aber, wie ich lernte, nicht als Beweis für einen ausschließlich dem Mond gewidmeten Kult verstehen sollte. Amaru Markawasi war Teil einer weit vielfältigeren sakralen Landschaft rund um Cusco, ein Ort unter vielen, die zusammen ein Netz aus Verehrung über die Berge spannten.

Archäologisch fassbar ist vor allem die gezielte Bearbeitung des natürlichen Kalksteins. Die Inka nutzten vorhandene Spalten und Durchgänge und formten daraus ebene Flächen und Kammern, ergänzt durch Treppen, geometrische Vertiefungen, trapezförmige Nischen und angrenzende Gebäudereste. Man berichtet von Reliefs, die Schlangen und Raubkatzen zeigen sollen – Wesen, die sich mir seit dieser Reise wie stumme Wächter durch die gesamte sakrale Landschaft der Anden ziehen. Historische Forschung bringt den Ort mit Amaru Tupaq Inka in Verbindung, einem Sohn Pachacútecs, eine Zuordnung, die sich aus schriftlichen Überlieferungen und ihrer Beziehung zur Landschaft ergibt, aber, wie so oft an diesen Orten, keine restlose Gewissheit bietet.

Mein Blick blieb immer wieder an den Stufen hängen – manche breit und deutlich, andere so klein und verborgen zwischen Kanten und Vorsprüngen, dass ich sie beinahe übersehen hätte. Rechteckige Aussparungen im Fels wirkten wie Fenster, hinter denen sich jedoch nur weiterer Stein verbarg, als hätte man dem Auge absichtlich eine Tür vorgetäuscht, die zu nichts als sich selbst führt. Das Auge sucht nach Vertrautem – einer Tür, einem Sitz, einem Zugang – und findet stattdessen eine Architektur, die sich nicht vollständig erschließen will, ganz gleich, wie lange man vor ihr steht.

Am eindrücklichsten blieb mir eine schmale Treppe, die zu einer verlassen wirkenden Höhle hinabführte. Kein Schild wies auf sie hin, keine Erklärung kündigte an, was dort auf mich wartete. Ich folgte den Stufen allein, während sich die Felswände immer enger um mich zu schließen schienen, bis nur noch ein schmaler Streifen Tageslicht den vorderen Teil des Raumes erreichte und der Durchgang dahinter vollständig im Schatten verschwand.

Dort, im Halbdunkel, stand ein aus dem Fels gearbeiteter Steinaltar. Auf seiner Oberfläche lagen gelbe und rötliche Blütenblätter, daneben grüne Stängel, ihre Farben brannten fast schmerzhaft hell gegen das kalte Grau des Gesteins – genau jenes Bild, das mich schon an anderen Orten dieser Reise innehalten ließ: frisches Leben, das sich unbeirrt in eine jahrhundertealte Stille drängt. Der Raum war menschenleer. Und doch hatte jemand hier vor mir gestanden, hatte diese Blüten niedergelegt, mit einer Absicht, die mir für immer verschlossen bleiben wird. Ich rührte die Blumen nicht an. Manche Gaben sind nicht für fremde Hände bestimmt, so viel hatte ich inzwischen gelernt.

Dieser kleine, namenlose Blumenschmuck verlieh der Höhle für mich eine Nähe, die keine archäologische Beschreibung hätte herstellen können. Die alten Bearbeitungsspuren im Fels erzählten von der langen, unpersönlichen Geschichte dieses Ortes; die Blüten erzählten von einer einzelnen, ganz gegenwärtigen Hand, deren Geschichte ich nie erfahren werde. Für einen Augenblick standen beide nebeneinander, uralter Stein und frisches Blütenblatt, als berührten sich zwei verschiedene Zeiten genau in diesem einen, schmalen Raum.

Im Halbdunkel wurde die Höhle für mich zu etwas, das ich nur als Schwelle bezeichnen kann. Zwischen dem offenen Himmel draußen und der Enge des Felsens veränderte sich meine Wahrnehmung spürbar, so wie sie es an jedem der heiligen Orte getan hatte, die ich auf dieser Reise betreten durfte. Ich stand lange still und stellte mir vor, wie hier eine Geschichte beginnt – mit einer unscheinbaren Treppe, einem stillen Altar und einer Gabe, deren Empfänger für immer unbekannt bleibt. Als ich Amaru Markawasi schließlich verließ, trug ich vor allem dieses eine Bild mit mir hinaus: leuchtende Blüten auf grauem Stein, tief im Schatten einer Höhle, die niemand mir angekündigt hatte – und die mich, wie ich seither vermute, bereits erwartet hatte, lange bevor ich ihre Treppe fand.
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