Mongolei
Reisen > Mongolei
Es gibt Länder, die man bereist, und es gibt Länder, die einen selbst bereisen – die sich unter die Haut legen und dort weiterwirken, lange nachdem der Staub der Steppe von den Stiefeln gewaschen ist. Die Mongolei gehört zur zweiten Sorte. Wer sie durchquert, merkt schnell: Hier ist nichts nur Landschaft. Jeder Hügel trägt einen Namen, jede Quelle eine Geschichte, jeder Windstoß eine Stimme, die älter ist als jede Chronik.
Meine Reise begann an einem Rinnsal im Wald – der Quelle Khajuu Bulag, wo der Legende nach ein Neugeborener sein erstes Bad nahm, ein Kind, das später als Dschingis Khan die Welt erschüttern sollte. Von dort führte mich der Weg zu den Ovoos, jenen Steinkegeln auf Bergpässen und Anhöhen, an denen die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt dünn wird wie ein gespanntes Fell – Altäre, an denen ich innehielt, einen Stein hinzulegte und, für einen Atemzug, spürte, dass der Wind mich beobachtete.
Am Ufer des Khar Zurkhnii Khukh Nuur, des Blauen Sees am Fuß des Schwarzen Herzens, stand ich zwischen sechsunddreißig geschnitzten Königsgestalten und dem Denkmal jenes Mannes, der hier zum Khan der vereinten Stämme erhoben wurde – und begriff, wie nah Geschichte und Geistererscheinung beieinanderliegen können, wenn das Licht richtig fällt. Im äußersten Westen des Landes, unter den kasachischen Nomaden des Altai, ließ ich mir das Kumalak-Orakel werfen: einundvierzig bunte Steinchen auf einem Filzteppich, eine Frau mit Augen wie erloschene, aber nicht erkaltete Feuer, und Worte, die mich seither begleiten, auch wenn ich sie für mich behalte.
Und schließlich, an einem Abend, als der Himmel brannte wie glühende Kohle, saß ich im Kreis einer Schamanin, deren Trommel meinen Herzschlag zu übernehmen schien, während die Ahnengeister gerufen wurden und der Rauch Formen annahm, die ich lieber nicht benenne.
All diese Orte, all diese Begegnungen – die Quelle, die Steinhaufen, der See, die Kugeln, die Trommel – sind Fäden desselben Gewebes: eines Landes, in dem die Toten nicht fort sind, sondern nur warten, und in dem jeder Reisende, der aufmerksam genug ist, irgendwann merkt, dass er nicht nur beobachtet, sondern auch beobachtet wird. Was folgt, sind die einzelnen Fäden dieser Reise – jeder für sich ein Ort, ein Moment, eine Schwelle, die ich überschritten habe und von der ein Teil von mir, wie ich fürchte, nie ganz zurückgekehrt ist.






