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Inak Uyu - Mondinsel - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Inak Uyu - Mondinsel

Reisen > Bolivien
Es gibt Inseln, die man nicht einfach besucht. Man wird zu ihnen gefahren während der See selbst zu entscheiden scheint, ob er einen durchlässt. Die Isla de la Luna – Koati, wie sie in der Sprache der Anden heißt – liegt weit draußen im Titicacasee, jenem gewaltigen Hochlandgewässer, das die alten Andenvölker für die Wiege der Sonne und des Mondes hielten. Als das Boot sich der grasbewachsenen Küste näherte, lag bereits eine Stille über dem Wasser, die nichts mit Windstille zu tun hatte.

Ich stieg zu den Ruinen von Iñak Uyu hinauf, dorthin, wo sich zwischen sanften Hängen plötzlich steinerne Räume zu einem weiten Hof öffnen. Gestufte Fassaden, dunkle Durchgänge, leere Wandnischen, die einst etwas bargen, dessen Namen die Zeit verschluckt hat – eine stille Würde liegt über diesem Heiligtum, als hätten die Baumeister dem Stein eine Sprache eingeschrieben, von der uns heute nur einzelne, verwitterte Worte geblieben sind. Ich blieb lange vor den mehrfach zurückgesetzten Umrahmungen der Öffnungen stehen, deren Stufen den Blick unweigerlich nach innen zogen, vom gleißenden Licht des Hofes hinein in den Schatten der Mauern – ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann, als wollte die Architektur selbst einen tiefer hineinziehen, als der Verstand es für ratsam hält. Durch schmale Durchgänge erahnte ich weitere Kammern, dunkler noch, und die sorgfältig behauenen Fassaden standen in seltsamem Kontrast zum unregelmäßigen, fast wildem Mauerwerk der Innenräume, als habe man das, was nach außen zeigt, geglättet – und das, was verborgen bleiben sollte, absichtlich roh gelassen.

Während der Inka-Zeit, im fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert, war dieser Ort Teil einer der bedeutendsten sakralen Landschaften der Anden. Kolonialzeitliche Chronisten berichten von einem dem Mond geweihten Tempel auf dieser Insel, dessen Dienst überwiegend Frauen versahen – auserwählte Frauen, denen man diesen Ort anvertraute, und deren stiller Alltag hinter diesen Mauern sich uns bis heute entzieht, so genau die Archäologie ihre Spuren auch liest. Man nennt Iñak Uyu bis heute das „Haus der auserwählten Frauen", ein Name, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.

Doch die Geschichte dieses Hügels reicht weiter zurück, als die Inka je vermuten ließen. Unter dem späteren Bauwerk fanden Archäologen Spuren einer weit älteren Nutzung, aus der Zeit von Tiwanaku – feine Trinkgefäße, Räuchergefäße, Gegenstände aus Gold und Silber, deren Zusammenhang darauf hindeutet, dass hier schon Jahrhunderte vor den Inka ein religiöses Zentrum bestand. Die Inka bauten also nicht auf leerem Grund. Sie bauten auf einem Ort, der bereits heilig war, lange bevor ihre eigenen Priester ihn betraten – als hätte sich die Heiligkeit selbst über Generationen im Fels gesammelt, wie Sediment am Grund eines stillen Sees.

In den überlieferten Schöpfungserzählungen der Anden steigen Sonne und Mond aus den Wassern des Titicacasees empor und erheben sich in den Himmel – Geschichten, die diesem See und seinen Inseln bis heute ihre religiöse Bedeutung verleihen. Pilger, so berichten historische Quellen, reisten einst von der nahen Sonneninsel weiter zur Mondinsel, zwei Stationen einer einzigen heiligen Wanderung, als könne man das eine Gestirn nicht verehren, ohne dem anderen ebenfalls die Ehre zu erweisen.

Ich selbst durfte während meines Besuchs an einer schamanischen Zeremonie teilnehmen, die man vor einer der alten Steinwände eingerichtet hatte. Eine mit Ketten geschmückte Figur stand vor der bunt karierten Wiphala, umgeben von Äpfeln, Bananen und gelben Früchten, zwischen Steinen und frischen Blüten drapiert, während Blumensträuße darüber aufragten und helle Blütenblätter eine geschwungene Spur über den Boden zogen. Die kräftigen Farben brannten fast schmerzhaft gegen das verwitterte Grau der Jahrhunderte alten Mauern – Leben, das sich unbeirrt in die Ruine eines Totenreichs drängte.

Ich kniete nicht, aber ich verstummte, während der Schamane sprach und die Gaben ordnete, und spürte, wie sich etwas in mir dem Rhythmus dieses Ortes anzupassen begann. Die Vergangenheit, die bis dahin nur Stein und Nische gewesen war, rückte in diesem Moment plötzlich nah heran, als hätten die Blüten zu meinen Füßen eine Brücke geschlagen zwischen den auserwählten Frauen, die hier vor Jahrhunderten dienten, und den Menschen, die heute noch ihre Hoffnungen zwischen denselben Mauern niederlegen. Der Wind, der über den See strich, schien für einen Atemzug innezuhalten, genau wie ich es schon an anderen heiligen Orten erlebt hatte – jenes kurze, kaum merkliche Zögern der Welt, das mir inzwischen vertraut ist wie ein Gruß.

Als ich die Insel wieder verließ, das Boot zurück über das stahlblaue Wasser gleitend, blieb mir vor allem ein Bild: verwitterter Stein, kräftige Blütenfarben, und darüber ein Himmel, dessen Mond schon unzählige Generationen begleitet hat – und der, wie ich seither vermute, sich noch an jede einzelne von ihnen erinnert.
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