Vom Bebedero del Inca nach Aramu Muru
Reisen > Peru
Südlich von Puno, in der Hochlandlandschaft nahe dem Titicacasee, stehen Felsen, die wirken wie Überreste einer Welt, die ihre eigenen Namen vergessen hat. Verwitterte Konturen, die im wechselnden Licht des Altiplano an Tiere, an Gesichter, an schweigende Wächter erinnern – ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass ich diese Landschaft nicht einfach durchqueren, sondern ihr mit derselben Vorsicht begegnen musste, die ich an jedem heiligen Ort dieser Reise gelernt hatte.
Meine Wanderung begann am Bebedero del Inca, sinngemäß der „Trinkstätte des Inka", etwa vierzehn Kilometer südlich von Ilave, dort, wo eine natürliche Felsformation mit Treppen, einem als Sitz gedeuteten Bereich und einem schlichten Wasserbecken versehen wurde, überragt von einem kleinen, turmartigen Aufbau aus sorgsam bearbeiteten Blöcken. Die Anlage liegt am Verlauf des alten Urkusuyu-Weges und steht seit 2009 als nationales Kulturerbe unter Schutz – ihre Deutungen reichen von einem zeremoniellen Rastplatz bis zu einem eigentlichen Heiligtum, und ich stand lange vor dem stillen Becken, ohne dass sich mir eine der beiden Möglichkeiten aufdrängte. Manche Orte, das hatte ich inzwischen gelernt, geben ihre Funktion nicht preis, nur ihre Stimmung.
Von dort führte mich der schmale Pfad hinein in die eigentliche Felslandschaft, vorbei an landwirtschaftlich genutzten Flächen, die sich zwischen den zerklüfteten Formationen behaupteten, hinauf zum Puma Umaña, einem in den Fels gearbeiteten Wasserbecken, das ich als kleinen Abstecher aufsuchte, und weiter hinab an der natürlichen Gestalt des Caballo Cansado vorbei, des „müden Pferdes" – ein Name, der mir erst Sinn ergab, als ich seine erschöpfte, in den Stein gemeißelte Silhouette selbst sah. Mit jedem Schritt schien sich die Gestalt der Felsen zu verändern: ein Vorsprung wurde zum Gesicht, eine dunkle Spalte zum lauschenden Mund, während der Wind unablässig durch die schmalen Gassen zwischen den Steinen fuhr und mir, wie so oft auf dieser Reise, den Verdacht einflößte, er trage tatsächlich etwas mit sich – Stimmen vielleicht, oder nur ihre Erinnerung.
Am Ziel erreichte ich schließlich Aramu Muru: eine großflächige Felsbearbeitung, in deren Mitte eine kleinere, gut zwei Meter hohe, T-förmige Nische liegt. Ihre Form erinnert unmittelbar an eine Tür, und ich gebe zu, dass ich einen Moment lang, während ich davorstand, unwillkürlich die Hand hob, als könnte ich sie öffnen. Doch hinter der Nische setzt sich der feste Fels ungebrochen fort – kein Durchgang, kein Spalt, nur Stein, der so tut, als verberge er etwas, und genau darin, so scheint mir, liegt seine eigentliche Macht.
Die Archäologie kennt diesen Ort unter dem nüchterneren Namen Altarani; Charles Stanish ordnet ihn der religiösen Felsbearbeitung im Umfeld der Inka zu und verweist auf die unvollendeten Partien der Anlage – ausgearbeitete Flächen neben rohen, kaum begonnenen Bearbeitungsspuren, als hätten die Erbauer die Arbeit mitten im Satz abgebrochen. Er vermutet einen Zusammenhang mit weiteren rituellen Felsplätzen entlang desselben Urkusuyu-Weges, an dem auch der Bebedero liegt – zwei Stationen eines Weges, dessen vollständige Bedeutung sich der Forschung bis heute entzieht.
Und doch ist es nicht die Archäologie, die diesem Ort seinen heutigen Ruf verleiht, sondern eine Legende, die ich bereits gehört hatte, ehe ich selbst vor der Nische stand: Ein Priester namens Aramu Muru soll einst vor den spanischen Eroberern geflohen sein, eine heilige goldene Scheibe mit sich führend. Mit ihrer Hilfe, so erzählt man, öffnete sich das Portal, blaues Licht drang aus seinem Inneren, ehe der Priester hindurchtrat und für immer verschwand. Ich weiß, dass diese Erzählung keinen tatsächlichen Durchgang belegt, keinen historisch nachweisbaren Vorgang – und stand doch minutenlang vor dem kalten, unbeweglichen Stein, die Handfläche nur wenige Zentimeter von seiner Oberfläche entfernt, und konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass manche Türen sich nicht öffnen müssen, um wahr zu sein.
Einen eigentlichen Totenkult belegen weder der Bebedero noch das Felsentor selbst. Doch im weiteren Titicacagebiet, das hatte ich auf dieser Reise bereits mehrfach erfahren, ist die Verehrung der Ahnen tief verwurzelt – die Verstorbenen galten den Menschen dieser Landschaft als weiterhin verbunden, geehrt durch Gaben und Zeremonien, nie ganz gegangen. Dieser Hintergrund verlieh dem Gedanken an eine Anderswelt, der mir vor der T-förmigen Nische so unausweichlich in den Sinn kam, eine Tiefe, die keine einzelne Legende allein hätte erzeugen können.
So endete meine Wanderung vor einer Tür, die verschlossen bleibt – und gerade dadurch mehr Geschichten öffnete, als jeder tatsächliche Durchgang es vermocht hätte. Im langen Schatten, den der Fels warf, während die Sonne über dem Altiplano zu sinken begann, blieb mir eine Frage, die ich seither nicht mehr losgeworden bin: Was, wenn auf der anderen Seite dieses Steins tatsächlich jemand steht – und genauso reglos lauscht wie ich?