Quelle der Jugend - Sonneninsel
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Es gibt Quellen, die man nicht einfach trinkt. Man hört ihnen zuerst zu. Auf der Isla del Sol, der Sonneninsel im bolivianischen Teil des Titicacasees, folgte ich der uralten Steintreppe, die man Escalera del Inca nennt, hinab zu einer kleinen Brunnenanlage im Dorf Yumani – der Fuente del Inca, besser bekannt unter einem Namen, der schwerer wiegt als jeder andere, den ich auf dieser Reise gehört habe: die Quelle der Jugend.
Zwischen alten Steinmauern und dem satten Grün des Hangs tritt Wasser aus dem Berg, ein gleichmäßiges, unermüdliches Rauschen, das sich mir sofort wie ein eigener Puls einprägte – jener zweite Herzschlag, den ich an so vielen heiligen Orten dieser Reise bereits gespürt hatte, unter meinem eigenen liegend, ihn allmählich übernehmend. Drei Öffnungen durchbrechen die Brunnenfassung; aus zweien von ihnen stürzt das Wasser in kräftigen Strahlen hinab und sammelt sich zwischen bemoosten Steinen, während Wurzeln über das alte Mauerwerk greifen, als wollte der Berg selbst die Fassung wieder in sich zurückziehen. Mensch und Fels, Stein und Wurzel, so eng ineinander verwoben, dass ich nicht hätte sagen können, wo das eine endet und das andere beginnt. Es wirkte, als hätte der Berg eine Stimme bekommen – leise, beharrlich, und wie so oft an diesen Orten, schwer zu deuten und noch schwerer wieder zu vergessen.
Die Sonneninsel selbst ist keine gewöhnliche Landschaft. Während ihrer Expansion im fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert machten die Inka sie zu einem der bedeutendsten Pilgerzentren ihres Reiches, mit Tempeln und Wegen, die sich um den Heiligen Felsen im Norden der Insel legten – jenen Ort, aus dem der Überlieferung nach Sonne und Mond einst emporstiegen. Die Quelle von Yumani liegt weit im Süden dieser Insel, ein eigenes, kleineres Heiligtum am Rand des großen, und ich hütete mich davor, ihr die Geschichte des Felsens einfach überzustülpen – manche Orte tragen ihre eigene, bescheidenere Würde, die keinen fremden Glanz braucht.
Und doch reicht auch diese Landschaft weiter zurück, als die Inka es je vermuteten. Nicht weit von hier, unter der Wasseroberfläche am Khoa-Riff, fanden Taucher Opfergaben aus der Zeit von Tiwanaku – Räuchergefäße, kostbaren Schmuck, versenkt von Menschen, die Jahrhunderte vor den Inka bereits wussten, dass dieser See mehr war als nur Wasser. Ich stand am Ufer und dachte an das, was unter der Oberfläche lag, unsichtbar, aber nicht vergessen – ein Muster, das ich inzwischen auf dieser Reise wiederzuerkennen begann: dass die ältesten Schichten der Verehrung selten an der Oberfläche liegen, sondern darunter warten, bis man sie sucht.
Um das Wasser von Yumani rankt sich seit Generationen die Erzählung, es könne Jugend und Lebenskraft bewahren – drei Wasserläufe, jeder mit einer eigenen Kraft versehen, deren Zusammenwirken das Geheimnis der Verjüngung bergen soll. Ich weiß, dass die Archäologie hier schweigt, dass sich das Alter der einzelnen Mauerteile nicht sicher bestimmen lässt und dass keine Ausgrabung je bewiesen hat, was diesem Wasser nachgesagt wird. Aber ich kniete trotzdem nieder, tauchte die Hand in den kühlen Strahl, der aus dem Dunkel des Berges ans Licht trat, und ließ das Wasser einen Moment über meine Handfläche laufen, ehe ich trank.
Vielleicht war es nur kaltes Bergwasser. Aber in dem Moment, in dem ich den Kopf hob und über die Terrassen hinab auf den weiten, silbrig glänzenden See blickte, hatte ich das gleiche vertraute Gefühl, das mich seit Beginn dieser Reise begleitet – jenes kurze Innehalten der Welt, als würde etwas Altes registrieren, dass ich getrunken hatte, dass ich Teil geworden war, und sei es nur für diesen einen Atemzug, der langen Kette all jener, die vor mir an dieser Quelle knieten und sich dasselbe wünschten. Wasser, das aus dem Dunkel der Erde tritt, sich kurz sammelt und weiterfließt – ein Bild der Erneuerung, das keine Erklärung braucht, um zu berühren.
Ich stieg die Escalera del Inca wieder hinauf, die Sonne bereits tief über dem See, und trug ein Flüstern mit mir, das ich seither nicht ganz zum Schweigen bringen kann: das Rauschen einer Quelle, die seit Jahrhunderten dasselbe verspricht, und die, wie ich fürchte, jedes einzelne dieser Versprechen im Stein festgehalten hat.