Charles Robert Maturin
Aktuelle Projekte > Horrorautoren
Sein Leben
Charles Robert Maturin wurde am 25. September 1780 in Dublin geboren. Er stammte aus einer Familie mit hugenottischen Wurzeln und studierte am Trinity College seiner Heimatstadt. 1803 wurde er zum Geistlichen der anglikanischen Church of Ireland geweiht. Nach einer ersten Anstellung in Loughrea kehrte er nach Dublin zurück, wo er als Hilfsgeistlicher an der Kirche St. Peter’s tätig war. Im selben Jahr wie seine Ordination heiratete er Henrietta Kingsbury; das Paar hatte vier überlebende Kinder.
Maturins Leben war von anhaltenden Geldsorgen geprägt. Neben seinem kirchlichen Amt versuchte er, mit Unterricht und schriftstellerischer Arbeit seine Familie zu versorgen. Unterstützung erhielt er von Walter Scott und Lord Byron, die seinem Drama Bertram den Weg auf die Londoner Bühne ebneten. Das Stück wurde 1816 mit dem Schauspieler Edmund Kean ein großer Erfolg. Eine dauerhafte finanzielle Absicherung brachte ihm dieser Durchbruch jedoch nicht.
Zugleich schadete die moralisch umstrittene Darstellung des Titelhelden seinen Aussichten auf einen kirchlichen Aufstieg. Maturin blieb bis zuletzt zwischen beruflichen Verpflichtungen, literarischen Ambitionen und wirtschaftlicher Bedrängnis gefangen. Er starb am 30. Oktober 1824 in Dublin, nur 44 Jahre alt.
Beigesetzt wurde er auf dem Kirchhof von St. Peter’s an der Aungier Street. Die Kirche wurde 1975 aufgrund sinkender Mitgliederzahlen geschlossen. Nach dem Verkauf des Geländes und Abriss der Kirche erfolgte die Umbettung der Gebeine 1980/81 in die Krypten von St. Luke’s, The Coombe, Dublin. Bei der Räumung des Friedhofs von St. Peter’s wurden Überreste von ungefähr 1.200 Menschen nach St. Luke’s überführt. Die Kirche brannte 1986 aus und blieb jahrzehntelang eine dachlose Ruine. Später wurde sie restauriert und unter dem Namen Thomas Burgh House zu Büros umgebaut. Auch die Gewölbe der Krypta wurden erhalten und repariert.
Vor dem Umbau ließ Dublin City Council die noch bergbaren Überreste aus Kirchhof und Krypten sammeln und in ein städtisches Depot bringen. Auf meine Anfrage vom 17.03. 2025 antwortete das City Council, dass unklar sei, wo sich die Überreste aktuell befinden.
Sein Werk im Bereich der Horrorliteratur
An Maturins Werk fasziniert mich besonders, wie eng das Übernatürliche mit menschlicher Verzweiflung verbunden ist. Seine Figuren geraten in Situationen, in denen jede Hoffnung zu schwinden scheint. Gerade dort entfaltet sein Horror seine größte Wirkung: wenn eine vermeintliche Rettung auftaucht und einen Preis verlangt, den eigentlich niemand bezahlen möchte.
Im Mittelpunkt steht sein berühmtester Roman „Melmoth der Wanderer“ (Melmoth the Wanderer, 1820). Die Titelfigur hat ihre Seele dem Teufel verschrieben und dafür eine um 150 Jahre verlängerte Lebenszeit erhalten. Melmoth kann seinem Schicksal nur entkommen, wenn ein anderer Mensch bereit ist, den Pakt an seiner Stelle zu übernehmen. Auf seiner Suche begegnet er Menschen, die durch Gefangenschaft, Verfolgung oder Armut an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geraten sind.
Für mich liegt darin eine besonders beklemmende Vorstellung: Melmoth kennt die Schwachstellen seiner Opfer und bietet ihnen genau das an, wonach sie sich am meisten sehnen. Zugleich trägt er selbst die Angst vor seiner bevorstehenden Verdammnis mit sich. Diese Verbindung aus Grausamkeit und eigener Verzweiflung macht ihn zu einer Figur, die mich gleichermaßen abstößt und beschäftigt.
Auch die verschachtelte Erzählweise trägt zum Unbehagen bei. Eine Geschichte führt in die nächste, Berichte und Erinnerungen öffnen immer neue Räume des Leidens. Religiöse Unterdrückung und die Inquisition spielen dabei eine wichtige Rolle; Maturins Darstellung ist allerdings deutlich von seiner protestantischen, antikatholischen Perspektive geprägt. Hintergrund und Aufbau von „Melmoth“ Die erzählerischen Umwege können aus heutiger Sicht ausufernd wirken. Für mich verstärken sie zugleich das Gefühl, in einem Labyrinth zu stecken, dessen Ausgänge immer weiter wegrücken.
Bereits „Fatal Revenge; or, The Family of Montorio“ (1807) zeigt Maturins Verwurzelung im klassischen Schauerroman. Das in Italien angesiedelte Frühwerk orientiert sich deutlich an Ann Radcliffe. Interessant ist es für mich vor allem als Ausgangspunkt einer Entwicklung, die mit Melmoth zu einer sehr eigenen Form des Schreckens führt.
Maturins Nachwirkung reicht weit über seine Lebenszeit hinaus. Honoré de Balzac griff die Figur in Melmoth réconcilié auf, und H. P. Lovecraft würdigte den Roman als bedeutenden Entwicklungsschritt der Horrorliteratur.
Mich überzeugt an Maturin besonders die beunruhigende Nähe zwischen Hoffnung und Verführung: In seiner Welt kann ausgerechnet das ersehnte Ende eines Albtraums zum Beginn eines noch schrecklicheren werden.