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Steine - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Steine

Reisen > Peru
Vor manchen Mauern der Inka bleibe ich länger stehen, als ich es geplant hatte. Mein Blick folgt einer Fuge, verliert sich zwischen Vorsprüngen und Vertiefungen und wandert zum nächsten Stein. Jeder Block besitzt seine eigene Gestalt, jeder scheint seinen Platz zu kennen. Im wechselnden Licht wirken diese Mauern beinahe lebendig – als bewahrten sie noch etwas von den Gedanken und Händen jener Menschen, die sie geschaffen haben.

Die Steinmetzkunst der Inka gehört zu den eindrucksvollsten Leistungen der Architektur im alten Peru. Besonders aufwendig gestaltete Mauern bestehen aus sorgfältig zugerichteten Blöcken, deren sichtbare Fugen außerordentlich eng schließen. Zu ihren Formen gehören sowohl regelmäßige Quader als auch vielwinklige Steine, die individuell auf ihre Nachbarn abgestimmt wurden. Einige der verwendeten Blöcke erreichen Gewichte von mehr als hundert Tonnen.
Wie diese Präzision entstehen konnte, ist durch archäologische Untersuchungen und praktische Versuche in wesentlichen Teilen nachvollziehbar. Der Architekturforscher Jean-Pierre Protzen untersuchte Steinbrüche, Bearbeitungsspuren und Werkzeuge. Seine Experimente zeigten, wie sich Gestein mit steinernen Schlagwerkzeugen formen und durch wiederholtes Anpassen passgenau zusammenfügen lässt. Größere Schlagsteine dienten gröberen Arbeiten, kleinere ermöglichten die feinere Bearbeitung. Hinter den schmalen Fugen stehen Materialkenntnis, Erfahrung und sorgfältige Arbeit.

Auf meinem ersten Foto zeigt sich diese Kunst in einem beinahe unscheinbaren Detail: Ein winziges Steinstück sitzt zwischen wesentlich größeren Blöcken. Seine leicht trapezförmige Gestalt schließt eine kleine Aussparung im Mauerverband. Als „kleinster verbauter Stein“ weckt er sofort Neugier; ein gesicherter Größenrekord lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Mich fasziniert vor allem, wie selbstverständlich dieses kleine Stück seinen Platz behauptet. Wer nur auf die gewaltigen Blöcke schaut, könnte daran vorbeigehen.

Die zweite Aufnahme zeigt den berühmten Stein der zwölf Winkel in der Calle Hatun Rumiyoq in Cusco. Er gehört zur Inkamauer des heutigen Erzbischöflichen Palastes, dessen Vorgängerbau mit Inca Roca verbunden wird. Seine mehrfach verspringende Kontur schmiegt sich an die umliegenden Steine. Jede Ecke stellt eine zusätzliche Aufgabe beim Anpassen dar. Der Stein ist ein besonders anschauliches Beispiel dieser Technik; seine Berühmtheit bedeutet jedoch keinen belegten Rekord für die höchste Eckenzahl.
Beim dritten Foto verändert sich der Maßstab. Der gewaltige Mauerblock von Saqsaywaman überragt mich deutlich. Selbst der ausgestreckte Arm macht seine Größe erst richtig begreifbar. Für besonders große Blöcke der unteren Befestigungsmauer nennt der amtliche Bestandsbericht Gewichtsangaben zwischen etwa 90 und 125 Tonnen. Diese Angaben lassen sich nicht ohne Vermessung auf einen bestimmten fotografierten Stein übertragen. Doch schon die sichtbaren Dimensionen vermitteln, welche Leistung Transport, Bearbeitung und Einbau erforderten.

Zur Bedeutung des Steins gehörte für die Inka auch eine religiöse Dimension. Bestimmte Felsen wurden als heilig verehrt und konnten als beseelte, wirkmächtige Wesen verstanden werden. Die Kunsthistorikerin Carolyn Dean zeigt, wie eng Steinbearbeitung, Landschaft und Glaubensvorstellungen miteinander verbunden waren.

Dieser Gedanke begleitet mich beim Betrachten der Mauern. Zwischen dem winzigen Einsatzstein und dem tonnenschweren Block liegt eine ganze Welt menschlicher Arbeit. Ich stelle mir das Geräusch der Schläge vor, den Staub auf den Händen, den prüfenden Blick entlang einer Fuge. Heute ist davon vor allem Stein geblieben. In seiner Stille findet meine Vorstellung die Menschen wieder.
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