Killarumiyoq
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Zwischen den grünen Hängen der Anden liegt Killarumiyoq, ein Ort aus behauenen Felsen, alten Mauern und fließendem Wasser. Über den Steinen zieht ein weiter Himmel dahin. In einer Felsvertiefung ruht die Form eines halben Mondes, während zwischen mächtigen Blöcken ein Wasserfall rauscht. Hier scheint die Landschaft eine eigene Sprache zu besitzen – eine, deren Zeichen erhalten geblieben sind, während ihre vollständige Bedeutung längst im Schweigen der Jahrhunderte versunken ist.
Killarumiyoq, auch Quillarumiyoc geschrieben, befindet sich im Distrikt Ancahuasi in der Provinz Anta, westlich von Cusco. Zur archäologischen Anlage gehören inkaische Terrassen, sorgfältig gefügte Mauern, bearbeitete Felsen und eine baulich ausgestaltete Höhle. Die erhaltenen Strukturen zeigen, wie eng die Gestaltung dieses Ortes mit seinem natürlichen Gelände verbunden war. Zwischen Felsblöcken entstanden eingefasste Räume; landwirtschaftliche Flächen und Bereiche religiöser Verehrung gehörten zur selben Landschaft.
Besonders eindrucksvoll ist die halbkreisförmig in den Fels gehauene Steinnische, der sogenannte Mondstein. Ihre geglätteten Flächen heben sich deutlich von der rauen Oberfläche des gewaltigen Felsblocks ab. Ein in sieben Abschnitte gegliederter Rand umfasst die Vertiefung wie eine steinerne Krone. Für mich wirkt diese Form wie ein Zeichen, das jemand mit großer Sorgfalt hinterlassen hat – bestimmt, gesehen und verstanden zu werden.
Der Name Killarumiyoq wird gewöhnlich mit „Mondstein“ wiedergegeben. Die Deutung als Darstellung des Mondes prägt deshalb auch das heutige Bild der Anlage. Ihre ursprüngliche Bedeutung ist jedoch nicht abschließend geklärt. Die Forscherin Johanna Broda weist darauf hin, dass die Mondinterpretation unbestätigt bleibt; diskutiert wurden auch Bezüge zur Sonne und zur Verehrung des Blitzgottes Illapa. Gut dokumentiert ist das Zusammenspiel von Felsbearbeitung, Architektur und Wasserführung. Welche genaue Botschaft die halbkreisförmige Nische ausdrückte, bleibt eine Forschungsfrage.
Am Wasserfall bekommt dieser Ort eine andere Stimme. Zwischen großen Felsen fällt das Wasser in ein flaches, steiniges Becken. Feuchte dunkle Flächen, grüne Pflanzen und die hellen Wasserfäden bilden einen kleinen, geschützten Raum. Die Blumen am Fuß der Kaskade setzen farbige Akzente. Für mich liegt in diesem Bild etwas Andächtiges: Das Wasser fließt unablässig weiter, während die Steine jede Bewegung festzuhalten scheinen.
Auch archäologisch ist dieser Bereich bedeutsam. Broda beschreibt einen von den Bergen herabführenden, kanalisierten Bach, der die Kaskade bildet und anschließend durch einen Kanal mit sorgfältigem Inka-Mauerwerk weitergeleitet wird. Zum angrenzenden eingefassten Bereich gehören Mauern mit Nischen. Sie deutet diese Verbindung von Wasserlauf und Architektur als Ausdruck religiöser Wasserverehrung. Der Wasserfall war damit in die Gestaltung des Heiligtums eingebunden.
Zwischen den Felsen öffnet sich außerdem eine schmale, dunkle Spalte. Schon ihr Anblick verändert die Wahrnehmung: Draußen liegen Gras, Sonne und der weite Horizont; wenige Schritte weiter verdichtet sich die Landschaft zu Stein und Schatten. Solche Übergänge machen für mich den besonderen Reiz von Killarumiyoq aus. Der Ort lenkt die Aufmerksamkeit auf Dinge, an denen man sonst vielleicht vorbeigehen würde – eine Vertiefung im Fels, die Fuge zwischen zwei Steinen, den Weg eines Baches.
Als Autor finde ich hier Bilder, aus denen Geschichten wachsen können: ein halber Mond, der im Stein gefangen scheint, Blumen vor fallendem Wasser und eine dunkle Öffnung unter schweren Felsblöcken. Die archäologischen Spuren geben diesen Bildern einen festen Boden. Ihre offenen Fragen lassen die Fantasie weitergehen. Noch lange bleibt die Vorstellung, dass jemand vor Jahrhunderten an derselben Nische stand, demselben Wasser lauschte und darin etwas erkannte, dessen Namen wir heute nicht mehr kennen.