Direkt zum Seiteninhalt

Théophile Gautier - Lyakon

Menü überspringen
Non omnis moriar.
(Horaz)

Théophile Gautier

Aktuelle Projekte > Horrorautoren
Sein Leben

Théophile Gautier wurde am 30. August 1811 in Tarbes im Südwesten Frankreichs geboren. Seine Familie zog wenige Jahre später nach Paris, wo er aufwuchs. Zunächst wollte er Maler werden, doch die Literatur gewann zunehmend seine Aufmerksamkeit. Er freundete sich mit Gérard de Nerval an und gehörte zum Umfeld Victor Hugos. Bei der umstrittenen Uraufführung von Hugos Hernani im Jahr 1830 trat er als begeisterter Unterstützer der Romantik auf – seine auffällige rote Weste wurde zum Sinnbild dieser literarischen Aufbruchsstimmung.

Gautier arbeitete als Dichter, Erzähler, Journalist sowie Kunst- und Theaterkritiker. Reisen führten ihn unter anderem nach Spanien, Italien, Russland und Ägypten. Seine Eindrücke verarbeitete er in Reiseberichten und literarischen Werken. Bekannt wurde er außerdem als Verfechter des „L’art pour l’art“, der Kunst um ihrer selbst willen: Künstlerische Schönheit besaß für ihn einen eigenen Wert, unabhängig von praktischer Nützlichkeit oder moralischer Belehrung. Besonders deutlich vertrat er diese Haltung im Vorwort seines Romans Mademoiselle de Maupin.

Gautier starb am 23. Oktober 1872 in Neuilly-sur-Seine bei Paris, im Alter von 61 Jahren. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Cimetière de Montmartre in Paris.
Sein Werk im Bereich der Horrorliteratur

Was mich an Gautier besonders fasziniert, ist die Verbindung von Schönheit und Unheimlichkeit. In seinen fantastischen Erzählungen können Verlangen und Angst dicht beieinanderliegen. Die Vergangenheit erwacht zu neuem Leben, Gegenstände entwickeln einen eigenen Willen, und die Begegnung mit den Toten besitzt eine eigentümliche Anziehungskraft. Sein Grauen hat für mich etwas Sinnliches und Melancholisches: Man versteht, weshalb seine Figuren dem Geheimnis näherkommen wollen.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in La Morte amoureuse (1836), auch unter dem Titel Clarimonde bekannt. Der junge Priester Romuald verliebt sich in eine geheimnisvolle Frau, die sich als Vampirin erweist. Sein Leben spaltet sich zwischen geistlichem Alltag und nächtlicher Leidenschaft; selbst die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit wird unsicher. Mich berührt daran, dass seine Liebe trotz aller Bedrohung als etwas Kostbares erscheint. Gautier macht es schwer, die Geschichte einfach als Sieg über das Böse zu lesen: Mit der vermeintlichen Rettung geht auch ein Verlust einher.

Le Pied de momie (1840) verbindet das Makabre mit Humor. Ein junger Mann kauft einen mumifizierten Fuß als Briefbeschwerer – und bekommt es mit dessen ursprünglicher Besitzerin, einer ägyptischen Prinzessin, zu tun. Mir gefällt dieser spielerische Umgang mit dem Unheimlichen. Ein scheinbar dekoratives Fundstück öffnet den Zugang zu einer längst vergangenen Welt. Bei Gautier kann selbst die Ausstattung eines Schreibtischs erstaunliche Folgen haben.

Bereits in La Cafetière (1831) geraten vertraute Dinge aus ihrer Ordnung: Porträts und Einrichtungsgegenstände erwachen nachts zum Leben. Aus dem gespenstischen Schauspiel entwickelt sich eine Liebesbegegnung mit einem schmerzlichen Geheimnis. Gerade der Übergang vom bizarren Spuk zur unerfüllbaren Sehnsucht macht für mich den besonderen Reiz dieser frühen Erzählung aus.

In Arria Marcella (1852) führt Gautier einen jungen Reisenden in ein nächtlich wiederbelebtes Pompeji und zu einer Frau, die beim Vesuvausbruch gestorben ist. Vergangenheit wird hier verführerisch gegenwärtig. Mich spricht daran besonders die Vorstellung an, dass die Sehnsucht nach einem Menschen die Grenzen von Zeit und Tod berühren könnte. Zugleich bleibt diese Nähe zerbrechlich.

Gautier hat für mich einen festen Platz in der Geschichte der unheimlichen Literatur. Seine Erzählungen geben den Toten Schönheit, Stimme und Begehren zurück. Dadurch wird die Begegnung mit ihnen zugleich verlockend und verstörend – und hinterlässt oft eine Traurigkeit, die länger nachwirkt als der eigentliche Schrecken.
Zurück zum Seiteninhalt