Gérard de Nerval
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Sein Leben
Gérard de Nerval wurde am 22. Mai 1808 als Gérard Labrunie in Paris geboren. Seine Mutter Mutter starb, als er noch ein Kleinkind war; sein Vater diente als Arzt in Napoleons Armee. Nerval verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit bei einem Großonkel in der Landschaft des Valois. Ihre Wälder, Dörfer und Erinnerungen prägten später viele seiner Texte. Während seiner Schulzeit in Paris lernte er Théophile Gautier kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband. Erste literarische Anerkennung brachte ihm seine 1828 veröffentlichte französische Übersetzung von Goethes Faust.
Als Dichter, Erzähler und Übersetzer gehörte Nerval zur französischen Romantik. Seine geistigen Interessen reichten von der deutschen Literatur bis zu Mythologie, religiösen Überlieferungen und esoterischen Vorstellungen. Ausgedehnte Reisen führten ihn unter anderem nach Ägypten, in den heutigen Libanon und in die Türkei. Eindrücke dieser Reise verarbeitete er in „Voyage en Orient“ (1851), einem Werk, das Beobachtungen, Lektüren und überlieferte Geschichten miteinander verbindet.
Seit 1841 litt Nerval wiederholt unter schweren psychischen Krisen und wurde mehrfach in Kliniken behandelt. Hinzu kamen finanzielle Schwierigkeiten und zunehmend unsichere Lebensverhältnisse. In seinen letzten Lebensjahren entstanden bedeutende Werke wie Les Filles du feu, Les Chimères und Aurélia. Am 26. Januar 1855 starb er im Alter von 46 Jahren in Paris durch Suizid. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Père-Lachaise, Division 49, am Chemin Casimir Delavigne.
Sein Werk im Bereich der Horrorliteratur
Gérard de Nerval steht für mich an der Grenze zwischen romantischer Dichtung, unheimlicher Fantastik und Horrorliteratur. Besonders reizt mich seine Fähigkeit, vertraute Dinge fremd erscheinen zu lassen. Erinnerungen werden zu Erscheinungen, Träume greifen in das Wachleben ein, und hinter alltäglichen Begegnungen scheinen sich verborgene Bedeutungen zu verbergen. Seine Texte wecken die beunruhigende Frage, wie zuverlässig unsere Wahrnehmung eigentlich ist.
Einen besonders deutlichen Bezug zur Schauergeschichte besitzt „Die verzauberte Hand“ (La Main enchantée, erstmals 1832 als La Main de gloire veröffentlicht). Darin lässt der Tuchhändler Eustache Bouteroue seine Hand verzaubern, um ein Duell zu gewinnen. Doch die erhoffte Hilfe entwickelt ein verhängnisvolles Eigenleben: Seine Hand entzieht sich seiner Kontrolle und führt ihn ins Verderben. Nerval verbindet dieses Motiv mit groteskem Humor.
Gerade diese Mischung gefällt mir. Die Vorstellung, dem eigenen Körper plötzlich nicht mehr vertrauen zu können, besitzt eine unmittelbare, körperliche Bedrohlichkeit. Dass manche Situationen zugleich komisch wirken, macht das Geschehen auf eigentümliche Weise noch unangenehmer. Das Lachen bleibt einem gewissermaßen in der Kehle stecken.
Eine andere Form des Unheimlichen eröffnet „Aurélia oder Der Traum und das Leben“ (1855). In dieser autobiografisch geprägten Erzählung gestaltet Nerval Erfahrungen psychischer Krisen zu einer vielschichtigen Folge von Träumen, Visionen und Erinnerungen. Der Verlust einer geliebten Frau, rätselhafte Zeichen und die Suche nach einer unsichtbaren Ordnung verbinden sich zu einer inneren Reise.
Mich beschäftigt daran besonders, wie nachvollziehbar die Zusammenhänge innerhalb dieser Traumwelt erscheinen. Als Leser gerät man in ihre eigene Logik, obwohl die Grenzen zwischen Beobachtung und Vorstellung immer unsicherer werden. Für mich entsteht daraus ein stiller, eindringlicher Schrecken: die Möglichkeit, den festen Boden unter den eigenen Gedanken zu verlieren.
Eine lyrische Ergänzung bildet der Gedichtzyklus „Die Chimären“ (Les Chimères, 1854). Besonders das Sonett El Desdichado verdichtet Verlust, mythologische Bilder und die Suche nach der eigenen Identität. Seine „schwarze Sonne der Melancholie“ ist für mich ein eindrucksvolles Bild dafür, wie Dunkelheit eine ganze Wahrnehmung durchdringen kann.
Nervals Verbindung von Traum und Wirklichkeit wirkte später auf André Breton und den Surrealismus. Seinen besonderen Platz in meiner Reihe verdient er durch jene Momente, in denen etwas zugleich wunderschön und verstörend erscheint – und sich diese beiden Empfindungen kaum noch voneinander trennen lassen.