Klosterruine Disibodenberg
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Es gibt Berge, die von einer einzigen Frömmigkeit erzählen, und es gibt solche, in denen sich mehrere Jahrtausende der Verehrung überlagert haben, ohne dass eine die andere je vollständig verdrängte. Der Disibodenberg, an der Mündung des Glans in die Nahe gelegen, gehört zur zweiten Sorte – und schon der kurze Aufstieg zum Bergplateau, vorbei an hohen Fichten, einem Mammutbaum und schwarzem Holunder, ließ mich spüren, dass ich mich einem Ort näherte, der weit mehr in sich trägt, als seine Ruinen auf den ersten Blick verraten.
Schon die Kelten wählten diesen Bergrücken für eine heilige Stätte, und nach ihnen errichteten die Römer hier oben einen Jupitertempel – Steine dieses Tempels finden sich, wie man mir erzählte, bis heute in den mittelalterlichen Klostermauern verbaut, ein Glaube, der buchstäblich in die Fundamente des nächsten einging. Der christlichen Überlieferung zufolge ließ sich um das Jahr 640 der irisch-schottische Wandermönch Disibod am Fuß dieses Berges nieder, und um das Jahr 1000 gründeten Augustiner-Chorherren hier ein Stift, das um 1100 in ein Benediktinerkloster umgewandelt wurde. Ich ging durch die verwunschenen, schattigen Bereiche des heutigen Landschaftsparks, in dem sich Klostermauern mit romantischem Grün verweben, und dachte daran, wie viele Schichten Glauben ich bereits auf dieser Reise unter meinen Füßen gespürt hatte – keltisch, römisch, christlich, jede über der vorherigen errichtet, keine ganz zum Schweigen gebracht.
Doch es war eine einzelne Gestalt, die mich auf diesen Berg zog, mehr als jede Ruine für sich: Hildegard von Bingen. Als achtjähriges Kind kam sie zur Erziehung zu Jutta von Sponheim, und 1112, mit vierzehn Jahren, zog sie in die Frauenklause des Klosters ein, wo sie fast vierzig Jahre ihres Lebens verbringen sollte. Ich stand vor den Resten dieser Klause und versuchte mir vorzustellen, wie ein Mädchen, das schon als Kind von Visionen heimgesucht wurde, hier ihre ersten Bilder von Licht und Feuer empfing – Bilder, die sie Jahrzehnte später, 1141, in ihrem ersten großen Werk „Scivias – Wisse die Wege des Herrn" niederschrieb, verfasst genau an diesem Ort, zwischen diesen Mauern. Nach dem Tod Juttas 1136 übernahm Hildegard selbst die Leitung des Frauenkonvents, ehe sie sich, gegen den erbitterten Widerstand des Abtes Kuno, der ihren Ruhm nicht ziehen lassen wollte, ab 1147 mit ihren Mitschwestern auf den Weg zum neu gegründeten Kloster Rupertsberg bei Bingen machte.
Ich blieb lange in jenem Teil der Ruine stehen, der einst die Klause gewesen sein muss, während der Wind durch die hohen Fichten strich und ein Rascheln erzeugte, das sich anhörte wie eine ferne, unaufhörliche Flüsterstimme. Man nennt diesen Berg bis heute einen Kraftort, und ich verstand, während ich dort stand, weshalb dieses Wort hier weniger nach Esoterik klingt als anderswo: Eine Frau, die vierzig Jahre ihres Lebens in einer winzigen Klause verbrachte, ohne Tageslicht im eigentlichen Sinne, und die dennoch zu einer der einflussreichsten Gelehrten, Ärztinnen und Mystikerinnen des gesamten Mittelalters wurde, muss hier etwas gefunden haben, das sich nicht allein mit frommer Disziplin erklären lässt.
Nach der Aufgabe des Klosters 1560 verfiel die Anlage über Jahrhunderte, wurde von den umliegenden Gemeinden geplündert und als Steinbruch genutzt – ein langsames Verschwinden, das erst 1812 mit der Privatisierung des Geländes zum Stillstand kam. Heute liegen die verbliebenen Mauerreste in einem englischen Landschaftspark aus dem Jahr 1840, in dem sich schattige, verwunschene Ecken mit offenen, sonnigen Plätzen abwechseln – eine seltsam versöhnliche Kulisse für einen Ort, der so viel Verfall und so viel Erneuerung gleichzeitig erlebt hat.
Als ich den Berg in der Abenddämmerung wieder hinabstieg, dachte ich an jenes Kind, das hier einst als Achtjährige in eine winzige, fensterlose Klause geführt wurde und darin nicht verstummte, sondern zu sprechen begann, wie kaum eine Frau ihrer Zeit sprechen durfte. Vielleicht, so dachte ich, ist das die eigentliche Mystik des Disibodenbergs – nicht ein Geist, der durch die Ruinen wandert, sondern die bloße, fast unfassbare Tatsache, dass aus solcher Enge, solcher Stille, solcher Abgeschiedenheit eine Stimme hervorging, die noch heute, nach fast tausend Jahren, gehört wird. Manche Berge bewahren ihre Kraft nicht in Sagen. Sie bewahren sie in dem, was ein einzelner Mensch aus ihrer Stille heraus zu sagen wagte.