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Menhir von Wintrich - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Menhir von Wintrich

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Bernkastel-Wittlich
Es gibt Steine, die man in prächtigen Museen ausstellt, und es gibt solche, die einfach mitten im Dorf stehen bleiben, so beiläufig in den Alltag eingelassen, dass man sie fast übersieht. Der Menhir von Wintrich, an der rechten Uferseite der Mosel gelegen, gehört zur zweiten Sorte – und gerade diese Beiläufigkeit machte ihn für mich zu einem der eigentümlichsten Steine meiner ganzen Reise.

Ich fand ihn mitten in der Ortslage, so tief und fest im Boden verankert, dass man mir erzählte, allein diese Verwurzelung habe ihn wohl bis heute vor dem modernen Straßenverkehr bewahrt – ein Stein, zäh genug, um Jahrtausende zu überdauern, und zäh genug, auch dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert noch zu trotzen. Früher, so berichtete man mir, war der Platz um ihn herum ein beliebter Spielplatz der Dorfkinder, manchmal dengelte man Sensen an seiner harten, unbewegten Oberfläche – ein uralter Kultstein, herabgesunken zum Alltagsgegenstand, benutzt, ohne dass die meisten, die ihn benutzten, wohl je ahnten, was sie da vor sich hatten.

Das Wissen um dieses megalithische Denkmal ist, wie mir ein Wintricher Bürger gestand, erschreckend spärlich. Ein Koblenzer Professor vermaß und dokumentierte ihn vor einigen Jahren, doch die eigentliche Bedeutung, die Erbauer, der ursprüngliche Zweck – all das bleibt im Dunkel. Man vermutet, dass es sich nicht um einen keltischen, sondern um einen weit älteren, megalithischen Menhir handelt, errichtet, bevor die Kelten diese Region überhaupt betraten. Dafür spricht sein äußeres Erscheinungsbild, dafür spricht aber vor allem seine Lage: Er steht an einer sehr alten Wegeverbindung, die einst von der Mosel hinauf in den Hunsrück führte, älter, wie man annimmt, als jede der umliegenden, heute befahrenen Straßen.
Unmittelbar hinter dem Stein zweigt ein schmaler Pfad ab, den man bis heute den Götzenpfad nennt – ein Name, der mir sofort einen Schauer über den Rücken jagte, als ich ihn zum ersten Mal hörte. Man geht davon aus, dass dieser Weg einst zu einer heidnischen Kultstätte führte, zu einem Ort, den der Menhir gleichsam bewachte oder ankündigte, wie ein steinerner Wegweiser für all jene, die wussten, wohin sie gehörten. Ich folgte dem Pfad ein Stück weit in den Wald hinein, während das Licht durch die Baumkronen in unruhige, wandernde Flecken zerfiel, und konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass ich auf den Spuren von Menschen ging, deren Namen, deren Sprache, deren Götter vollständig aus unserem Gedächtnis verschwunden sind – während ihr Weg, kaum verändert, noch immer durch denselben Wald führt.

Ich kehrte zum Menhir zurück, legte die Hand auf seine kühle, wettergegerbte Oberfläche, und dachte an die Kinder, die hier einst spielten, an die Sensen, die man an ihm schärfte, an all die Jahrhunderte gedankenloser Vertrautheit, mit der ein Dorf einen Stein behandelt haben muss, dessen wahre Bedeutung es längst vergessen hatte. Es gibt eine besondere Art von Mystik in dieser Vergessenheit – nicht die laute, sagenumwobene Furcht anderer Orte, sondern eine leisere, fast rührende Tragik: ein Wächter, der so lange gewacht hat, dass niemand mehr weiß, wovor.

Als ich Wintrich in der Abenddämmerung verließ, den Blick noch einmal zurück auf den kleinen, unscheinbaren Stein zwischen den Häusern werfend, hoffte ich, was auch die Chronisten dieses Ortes sich wünschten: dass dieser Hinkelstein noch lange hier stehen bleibt, fest im Boden verwurzelt, und dass zumindest einige der Bewohner Wintrichs, wenn sie an ihm vorbeigehen, für einen Moment spüren, was ich in jenem Augenblick spürte – dass sie an etwas vorübergehen, das älter ist als jede Erinnerung, die ihr Dorf je besaß.
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