Stein ohne Namen von Gumbsheim
Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Alzey-Worms
Manche Steine tragen einen Namen, der sich wie ein Schutz um sie legt – ein Name, den Generationen ihm gaben, um sich vor dem zu schützen, was namenlos bleibt. Der Menhir von Gumbsheim trägt keinen solchen Namen. Man nennt ihn schlicht den Stein ohne Namen, und gerade in dieser Namenlosigkeit, so schien es mir, als ich vor ihm stand, liegt eine eigene, kältere Art von Macht – als hätte man es über Jahrtausende nicht gewagt, ihn zu benennen, aus Furcht, ihn dadurch erst richtig zu erwecken.
Im Frühjahr 1927 kam er ans Licht, geborgen aus einem Graben östlich von Gumbsheim, der heute den Namen Langgewanner Graben trägt – ein spindelförmiger Koloss aus verkalktem Kieselkonglomerat, gebrochen und geschliffen aus den Sandgruben südlich von Eckelsheim, von Menschenhand aufgerichtet, lange bevor irgendeine Schrift diesen Landstrich erreichte. Mit 3,15 Metern zählt er zu den größten Menhiren Rheinhessens, ein steinerner Riese, der Jahrtausende unter der Erde lag, ehe man ihn zufällig wieder ans Tageslicht holte – als hätte der Boden selbst irgendwann beschlossen, dass es Zeit war, ihn wieder freizugeben.
Ich stand vor ihm an einem stillen Nachmittag, während der Wind über die offenen Felder Rheinhessens strich, und dachte an den nahen Hinkelpfad, jenen Weg, dessen Name vermutlich einst „Hinkelsteinpfad" lautete – ein sprachliches Echo, das über Jahrhunderte hinweg an diesen Stein erinnerte, auch als sein eigener Name bereits verloren war. Wie viele Generationen mögen an ihm vorbeigegangen sein, ohne zu wissen, wovor sie eigentlich die Mütze zogen oder den Blick senkten, nur aus einem Gefühl heraus, das älter war als jede Erklärung?
Doch dieser Stein hat, anders als manch anderer heiliger Fels, den ich auf meinen Reisen besuchte, keine ungebrochene Ruhe gefunden. 1952 versetzte man ihn im Zuge einer Flurbereinigung an das Ufer des Grabens nahe der Armsheimer Brücke – ein neuer Standort, an dem er weitere fünfzig Jahre verharrte, bis das Jahr 2002 kam und ein Baufahrzeug ihn in Bodenhöhe abbrach. Man fügte die Teile notdürftig wieder zusammen, doch die Wunde blieb sichtbar, eine Naht im Stein, die keine Restaurierung ganz zu schließen vermochte. Zwei Jahre später, 2004, brach er ein zweites Mal. Diesmal versetzte man nur noch die Spitze an einen neuen, geschützteren Ort in der Gewann Böckelheimer Brücke – während das abgebrochene untere Teilstück den Weg mit ihm teilte und, dort abgelegt, bis heute stumm neben dem aufgerichteten Rest liegt, ein Bruchstück, das den ganzen Stein noch einmal erzählt, auch wenn es ihn nicht mehr trägt.
Ich kniete neben diesem liegenden Fragment nieder, legte die Hand auf seine raue, von Jahrtausenden und zwei modernen Unfällen gezeichnete Oberfläche, und spürte eine Kälte, die nichts mit der Nachmittagsluft zu tun hatte. Ein Menhir, der Jahrtausende unter der Erde überdauerte, unversehrt von allem, was Wind und Regen und selbst die Zeit ihm anzutun vermochten – erst in unserer eigenen, so viel jüngeren Gegenwart zweimal gebrochen, von Maschinen, die nicht einmal wussten, was sie da berührten. Es gibt eine bittere Ironie darin, die mich noch lange beschäftigte: dass ausgerechnet die moderne Welt diesem uralten Wächter zufügte, was fünftausend Jahre lang niemand vermochte.
Als ich schließlich aufstand und den aufgerichteten Teil des Steins noch einmal betrachtete, die Naht seiner Verletzung im schrägen Licht deutlich sichtbar, hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass dieser Stein ohne Namen sich seine Wunden merkt, so wie er sich einst, vor Jahrtausenden, wohl auch die Namen jener merkte, die ihn errichteten – Namen, die uns für immer verloren sind, während der Stein selbst, gebrochen und doch aufrecht, weiterhin stumm auf dem Feld steht und wartet. Worauf, das vermag ich nicht zu sagen. Aber ich bin mir seither sicher, dass es nicht das letzte Mal war, dass er gefragt wird.