Direkt zum Seiteninhalt

Menhir von Büdlich - Lyakon

Menü überspringen
Non omnis moriar.
(Horaz)

Menhir von Büdlich

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Bernkastel-Wittlich
Es gibt Wege, die schon durch ihre Namen etwas verraten, ehe man das eigentliche Ziel erreicht hat. Zwischen den kleinen Hunsrückdörfern Büdlich und Heidenburg liegt einer dieser Wege – und schon der Name des zweiten Ortes, Heidenburg, „Burg der Heiden", ließ mich innehalten, ehe ich überhaupt den ersten Schritt in diese Richtung getan hatte. Irgendetwas in diesem Landstrich hatte sich offenbar tief genug in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt, dass es noch Jahrhunderte später im Ortsnamen weiterlebte.

Der Menhir von Büdlich, im Volksmund schlicht Hinkelstein genannt, steht in diesem schmalen, waldreichen Streifen des Hunsrücks, gefertigt aus einem gewaltigen Quarzitfindling – jenem harten, widerspenstigen Gestein, das auch anderswo in dieser Region die ältesten aufgerichteten Steine bildet, zu widerständig, um von Wind und Regen sonderlich beeindruckt zu werden. Ich erreichte ihn über schmale Waldwege, vorbei an dichtem Unterholz, das sich hier, fernab der Moselweinberge und der viel befahrenen Hunsrückhöhenstraße, noch weitgehend selbst überlassen bleibt, und verstand schnell, weshalb solche Steine oft erst bei Waldabtrieb, beim zufälligen Rücken von Bäumen, wiederentdeckt werden – der Hunsrück verbirgt seine Zeugen gut, verschluckt sie in Farn und Gestrüpp, bis jemand zufällig darüber stolpert.

Ich stand vor dem Stein, der sich, wie es für die Menhire dieser Gegend typisch ist, nach oben leicht verjüngt, ohne dabei in eine eigentliche Spitze auszulaufen – eine schlichte, fast unprätentiöse Form, die dennoch etwas Unumstößliches ausstrahlt, so als hätte man ihn absichtlich so belassen, wie das Gestein selbst ihn hervorbrachte, ohne ihn mit einer Krone zu versehen, die ihm nicht zustand. In der Nähe erhebt sich der Burgkopf, an dessen Hängen sich gleich drei Kapellen verteilen – die Josephskapelle, die Burgkopfkapelle, die Dhrontalkapelle –, als hätte man diesen einen Höhenrücken mit besonderer Sorgfalt christlich befriedet, drei Kreuze gegen einen einzigen heidnischen Stein, der stur weiterstand, ganz gleich, wie viele Kapellen man um ihn herum errichtete.
Ich fand das Nebeneinander bezeichnend: ein einsamer Quarzit im Wald, benannt nach den Heiden, die man einst zu vertreiben suchte, umgeben von einem Kranz kleiner Gotteshäuser, die sich, jedes für sich unscheinbar, gegen die Erinnerung an das stemmten, was vor ihnen hier verehrt worden war. Der Wind, der durch die Bäume strich, während ich vor dem Stein stand, trug ein Rascheln mit sich, das mir vorkam wie das letzte, trotzige Flüstern all jener, die diesen Fels aufrichteten, lange bevor irgendjemand hier von Josephs- oder Burgkopfkapellen sprach.

Die Dhrontalsperre, 1911 nur wenig entfernt errichtet, staut heute die Kleine Dhron zu einem stillen See – ein weiteres, jüngeres Bauwerk, das die alte, wilde Wasserkraft dieser Landschaft zähmte, so wie die Kapellen den alten Glauben zu zähmen suchten. Doch der Menhir selbst ließ sich, soweit ich sehen konnte, von all dem unbeeindruckt. Er stand einfach da, im Halbdunkel des Waldes, während das Licht in schrägen, unsteten Streifen durch die Blätter fiel und über seine raue Oberfläche wanderte, als suche es dort nach etwas, das es nicht finden konnte.

Als ich schließlich den Wald verließ, den Blick noch einmal zurück auf den Stein werfend, der sich bereits wieder im dichten Grün zu verlieren begann, dachte ich an den Namen Heidenburg und daran, wie seltsam es ist, dass sich in unserer Sprache die Erinnerung an das, was man einst zu überwinden suchte, oft hartnäckiger hält als die Erinnerung an das, was an seine Stelle trat. Der Menhir von Büdlich braucht keine Legende, um zu wirken. Es genügt, dass er im Wald zwischen einem Dorf und einem Ort namens Heidenburg steht – ein einziger, stiller Beweis dafür, dass manche Namen ihre eigene, unbestechliche Geschichte erzählen, auch wenn niemand mehr genau weiß, welche Heiden hier einst wirklich verehrt wurden.
Zurück zum Seiteninhalt