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Alsenzer Wack - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Alsenzer Wack

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Donnersbergkreis
Alsenz kennt man im Donnersbergkreis vor allem für seinen Sandstein. Das Steinhauermuseum im Renaissance-Rathaus, der Deutsche Sandsteinpark und die Villen der alten Steinbruchunternehmer zeugen davon. Ich war aber wegen eines anderen Steins gekommen, der mit all dem nichts zu tun hat. Man fand ihn nicht im Sandsteinpark, sondern in der Schulstraße 16, auf dem Parkplatz der Außenstelle der Verbandsgemeindeverwaltung. Neben Autos, Mülltonnen und dem Alltag einer Behörde steht dort der Wack.

Es ist ein Menhir, im Volksmund auch „Becker Hennes Wack” genannt. Wer der Becker Hennes war, konnte ich nicht herausfinden. Der Name klingt nach einem Bäcker oder einem Besitzer des Feldes, auf dem der Stein einst stand, und er hat sich als einzige menschliche Spur an ihn geheftet. Das Wort „Wack” bezeichnet in der Pfalz einen großen, kantigen Stein. Es ist ein kurzes, rundes Wort für einen Stein, den niemand mehr anders zu nennen wusste.

Der Wack besteht aus Süßwasserquarzit, ist drei Meter hoch und fast zwei Meter breit, dabei aber nur siebzig Zentimeter tief. Er ist pyramidal geformt, und seine eine Breitseite ist flach. Ich stand eine ganze Weile davor und musste den Kopf in den Nacken legen. Auf der flachen Seite fand ich, was man nicht erwartet: eine Gedenktafel für die in beiden Weltkriegen „gefallenen und vermißten Kameraden” des Vereins ehemaliger Landwirtschaftsschüler und Hauswirtschaftsschülerinnen. Sie wurde 1953 angebracht, im selben Jahr, in dem der Stein an seinen heutigen Platz kam. Ein vorgeschichtlicher Stein von unbekannter Bedeutung trägt jetzt die Namensliste einer Vereinsgeschichte. Mich hat das seltsam berührt. Man hat dem Stein eine neue Aufgabe gegeben, und er hat sie angenommen, als wäre es nie anders gewesen.
Seine ursprüngliche Heimat lag gut zwei Kilometer östlich von Alsenz, auf einer Feldflur mit dem Namen Oberhäuser Loch, auch Heidenloch genannt. Dort markierte der Stein die Grenze eines ehemaligen Hofbanns, also eines abgegrenzten Rechtsbezirks. Ganz in der Nähe verlief eine alte Straße zwischen Bad Kreuznach und Kaiserslautern, die vermutlich schon in vorgeschichtlicher Zeit angelegt wurde. Ein Stein, der als Grenzzeichen an einem uralten Handelsweg stand, ist kein Zufall. Und der Flurname Heidenloch, der in dieser Gegend wie in Heidelberg auf einen Ort verweist, den man sich nicht zu erklären wagte, ist ein Hinweis, den ich nicht überhören wollte. Was das Heidenloch bei Alsenz einst war, ist vergessen. Der Name ist geblieben.

1953 wurde der Menhir nach Alsenz umgesetzt, wohl um ihn vor dem Pflug und dem Vergessen zu retten, und so steht er nun, losgelöst von allem, was ihn einst an eine Landschaft band, mitten im Ort. Ich versuchte, mir den Weg vorzustellen, den dieser Koloss genommen hat, über die Felder, durch die Straßen, bis zu einem Parkplatz. Er hat Tausende von Jahren an einer Stelle gestanden und ist dann in ein paar Stunden in ein ganz anderes Leben gezogen.

Der Abend kam, die Fenster der Verwaltung wurden dunkel, die Autos fuhren fort, und der Wack blieb allein auf dem Parkplatz zurück. Ich legte noch einmal die Hand an seine kühle, raue Seite, nahe an der Tafel, und dachte an den Becker Hennes, an das Heidenloch und an die Straße, die längst keine mehr ist. Vielleicht ist das die leiseste Form von Mystik: ein Stein, dem man seine Landschaft genommen hat und der trotzdem steht, als wäre er noch dort, wo er hingehört. Er trägt jetzt die Toten zweier Kriege und die Spuren einer viel älteren, namenlosen Vergangenheit. Ich glaube, dass er beides aushält.
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