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Langer Stein von Obermoschel - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Langer Stein von Obermoschel

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Donnersbergkreis
Nördlich von Obermoschel, in einem Waldstück kurz unterhalb des höchsten Punktes einer Anhöhe, steht ein Stein, den man leicht übersehen würde. Nur ein Schild am Weg verrät ihn, und selbst das liegt versteckt im Gestrüpp. Ein Wanderer hat angemerkt, dass man im Sommer, wenn alles zugewachsen ist, achtgeben muss, nicht in den überwucherten Graben zu stolpern, während man das Schild zu entziffern versucht. Ich stand an einem Herbstnachmittag davor, und das Laub raschelte schon unter den Stiefeln. Der Menhir stand nur wenige Meter abseits des Waldweges, als hätte er sich ein wenig zurückgezogen, um nicht von jedem Vorübergehenden angesprochen zu werden.

Der Lange Stein, auch Langenstein genannt, besteht aus Melaphyr, einem dunklen, harten Vulkangestein. Er misst 182 Zentimeter in der Höhe, 80 in der Breite und 47 in der Tiefe, endet in einer flachen, abgerundeten Spitze und ist im mittleren Bereich leicht verdickt. Auffällig ist sein halbkreisförmiger Querschnitt. Ursprünglich war der Stein rund. Die flache Seite entstand erst später, als jemand ein Stück absprengte, und drei Löcher im Gestein belegen es noch heute. Ich fuhr mit der Hand über diese Stelle und spürte die Narben einer Gewalt, die sich zeitlich nicht mehr einordnen lässt. Wer hat hier zugeschlagen, und warum? Auf diese Frage hat der Stein keine Antwort gegeben.

Der heutige Standort ist nicht der ursprüngliche. Eine Grenzbeschreibung von 1601 nennt den Stein an einer Hochstraße, am Grenzpunkt von Alsenz, Hallgarten und Niedermoschel. Dieser Punkt liegt an einer völlig anderen Stelle, und irgendwann in den vier Jahrhunderten seither muss der Stein also gewandert sein. Auch ein Menhir bleibt nicht zwingend dort, wo man ihn errichtet hat. Ich fand es seltsam, dass ein Wächter, der als Grenzzeichen diente, selbst die Grenze überschritten hat.
Unmittelbar an seinen neuen Standort schließt sich ein Grabhügelfeld aus der mittleren Bronzezeit an. Ich ging zwischen den sanften Erhebungen umher, die man ohne Wissen für Bodenwellen hält, und dachte daran, wie sich Schichten übereinanderlegen können: ein Stein von ungewisser Herkunft, der später als Grenzmal diente und schließlich, wie durch Zufall, neben jenen Gräbern zur Ruhe kam, die Jahrtausende alt sind. Ob er ihnen zugedacht war oder ob sich hier nur zwei Zeiten durch einen Zufall berühren, lässt sich nicht sagen. Das Schweigen im Wald klang jedenfalls, als wüssten die Hügel mehr als der Stein.

Was mich am meisten beschäftigt hat, ist eine kleine, fast kindliche Überlieferung. Früher, so heißt es, habe man Jungen erzählt, sie könnten Hühner piepen hören, wenn sie das Ohr an den Stein legten. Wer dem glaubte und lauschte, dem stieß man den Kopf unsanft gegen den Fels. Das ist ein derber Dorfscherz und keine Sage von Geistern oder Teufeln. Doch ich konnte nicht anders, als der Versuchung nachzugeben. Ich legte das Ohr an die kühle, raue Fläche und hörte nichts als das Rauschen meines eigenen Blutes und, ganz fern, den Wind in den Kronen. Der Kopfstoß blieb aus. Vielleicht hat der Stein mich verschont, oder die Zeit der Streiche ist einfach vorbei. Es gibt eine Anekdote, nach der aus dem ursprünglichen „Riesenstein” über „Hünenstein” schließlich der „Hinkelstein” wurde, weil man das Wort „Hüne” irgendwann als „Hühner” verstand. Dass hier ausgerechnet das Piepen von Hühnern den Streich trägt, passt dazu erstaunlich gut.

Als ich mich schließlich vom Stein löste und den Weg zurück zum Waldrand nahm, blieb ich noch einmal stehen und sah über die Schulter. Der Menhir stand da wie zuvor, unscheinbar, ein wenig schief im Licht, mit der abgesprengten Seite zum Weg. Man weiß nicht, wer ihn errichtet hat, wann er seinen Ort wechselte oder wer ihn verstümmelte. Aber er hat Jahrtausende überstanden, und er wird auch den Tag überdauern, an dem das Schild am Weg verwittert ist. Manche Steine erzählen große Legenden. Dieser erzählt von einem Scherz, einer Narbe und einer Grenze, die er selbst verlassen hat, und er lässt einen die Vergangenheit eher wie ein leises Gelächter im Wald vernehmen als wie ein Donnern.
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